Weswegen sind auch alte Menschen oft von Suizidgedanken betroffen?

Ein Thema mit dem Pflegekräfte im Alltag täglich durch den Kontakt zu älteren Patienten konfrontiert sind.

Einsamkeit wird ständig in den Mittelpunkt des Gesprächs gestellt. Die Problematik nicht mehr gebraucht zu werden und keine Aufgaben mehr zu haben, nicht mehr gebraucht zu werden beschäftigt diese Altersgruppe.

Oft leben nahestehende Familienmitglieder nicht in der Nähe, sind beruflich & privat oft eingebunden, haben wenig Zeit sich um ihre älteren Angehörigen zu kümmern.

Es ist ihnen auch nicht bewußt, da sie selbst voll ausgelastet sind, wie einsam diese oft sind, da sie dies selten artikulieren um nicht Sorgen zu bereiten oder zusätzlich zur Last zu fallen. Dieses Problem war früher, als noch in Großfamilien gelebt wurde weniger oder nicht vorhanden, da ältere Menschen mit in den Alltag eingebunden waren und nicht auf sich allein gestellt lebten. Pflegekräfte bekommen diesen Wunsch nach Anerkennung und gebraucht werden oft während der Arbeit am Patienten im Gespräch mit, haben jedoch aufgrund des Zeitdrucks kaum die Möglichkeit, in Ruhe auf diese Themen einzugehen.

Dies macht sich besonders stark zu Zeiten wie im Advent oder direkt an Weihnachten bemerkbar. Feste, die man am liebsten im Kreis seiner Familie verbringt. Der Gesprächsbedarf und die Traurigkeit ist dann am höchsten, man fühlt sich ungebraucht, ungesehen und allein. Für die psychosoziale Betreuung ist aus pflegerischer Sicht keine Zeit, wenn diese aufgewendet werden kann, improvisiert die Pflegekraft selbständig, nimmt sich Zeit, die sie an anderen Stelle wieder einsparen muss. Situationen die für alle Beteiligten sehr emotional sind, man sich schlecht fühlt, jedoch nicht in der Lage ist mehr auf die Betroffenen einzugehen.

Die Möglichkeit Besuchsdienste, ehrenamtlicher Art zu organisieren ist auch nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Der Patient muss einen Zugang zu dieser Person aufbauen, bevor er sich mit diesen seniblen Themen an ihn wendet und die zeitliche Begrenzung des Termins, welcher meistens höchstens einmal wöchentlich stattfindet, ist nicht ausreichend.

Ärzte verordnen Antidepressiva, was nur eine Symptombekämpfung, jedoch keine Ursachenbekämpfung ist. Der Wunsch nach der Erlösung, dem Tod, wird von vielen älteren Menschen geäußert, der Lebenswille und die SIcht des noch bestehenden Sinns wird in Gesprächen oft thematisiert, jedoch selten Ernst genommen, da die Zeit hierfür fehlt.

Hier ein ähnlicher Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 10.09.2019:

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/suizid-alter-1.4593328

Weswegen freiheitseinschränkende oder freiheitsentziehende Maßnahmen in der psychatrischen Pflege?

Fixierende bzw. freiheitseinschränkende oder freiheitsentziehende Maßnahmen sind in der Pflege Teil des Tagesgeschäfts. Es gibt nicht nur Fixierungen oder Bettgitter die Aktivitäten des Patienten einschränken sollen, Medikamente sind ein weiterer Teil Patienten in ihren Bewegungen einzuschränken, dessen sind sich viele oft nicht bewußt.

Oft liegt es am Personalmangel, dass Patienten als anstrengend, zeitraubend oder zu unruhig wahrgenommen werden. Sie schränken uns Pflegekräfte in unserer Arbeit ein, da sie mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung & Zeit benötigen, die wir aufgrund der Personalsituation nicht aufbringen können.

Es ist, in vielen Fällen humanistisch kaum zu akzeptieren, dass die Person und ihre Erkrankung nicht im Vordergrund stehen. Man ist als Pflegekraft zeitlich und psychisch überlastet, da sich nicht ausreichend und angemessen um die jeweilige, individuelle Situation des Einzelnen gekümmert werden kann.

Hier macht es sich das Gesundheitssystem sehr einfach und sieht über Notwendigkeiten hinweg. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Mittel und Möglichkeiten gibt, die Patienten an uns und unseren Berufsalltag anzupassen uns zu entlasten.

In der Psychatrie gibt es zwar einen angepassten, höheren Personalschlüssel als in anderen pflegerischen Bereichen, jedoch ist dieser noch immer nicht ausreichend. Wir sprechen über eine krankheitsbedingt, stark auf individuelle Zuwendung angewiesene Patientengruppe, die oft sehr lange braucht, um eine Vertrauensbasis entstehen zu lassen, skeptisch und herausfordernd reagiert und eine psychische Herausforderung für die Pflegekräfte darstellt.

Deswegen ziehen sich auch aus diesem Berufsfeld viele Mitarbeiter zurück, da ihnen die Belastung zu gross ist und sie sich dieser nicht langfristig gewachsen fühlen.

Artikel im Spiegel Online vom 09.09.2019

https://www.spiegel.de/karriere/psychiatrien-patienten-werden-regelmaessig-wegen-personalnot-zwangsfixiert-mitarbeiterumfrage-a-1285840.html

Weswegen steht immer nur die Profitgier in der Pflege im Vordergrund?

Ich habe aus Eigeninteresse selbst in der Vergangenheit mehrere Monate für einen ambulanten Pflegedienst gearbeitet, welcher als Aktiengesellschaft auftritt. Es interessierte mich, wie dies, in Anbetracht der Gewinnoptimierung, in Bezug auf die Patientenversorgung funktionieren soll. Nicht der Patient steht, wie es sein sollte, im Vordergrund, sondern ausschliesslich der Gewinn, erwirtschaftet durch die Patientenversorgung.

Pflegezeiten werden auf ein Minimum reduziert, die Mitarbeiter dadurch unter massiven Zeitdruck gesetzt. Das Ergebnis, alle Beteiligten sind unzufrieden, fühlen sich wie am Fliessband abgefertigt und nur teilversorgt. Es ist schlicht keine Zeitvorgabe gegeben um auf die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten einzugehen. Fragwürdige Prämiensysteme werden zur Mitarbeitersteuerung eingesetzt, ein hilfloser Motivationsversuch, Gewinne zu steigern, Druck aufzubauen und schlussendlich ein Grund weswegen Pflegekräfte langfristig ausbrennen und das Berufsfeld Pflege verlassen.

Es ist im letzten Jahrzehnt nicht mehr zu übersehen, das chinesische, russische und andere ausländische Investoren massiv Geld in den ambulanten und stationären Pflegemarkt pumpen, da sie sich massive Gewinne versprechen, was höchst fragwürdig ist und dringend reguliert werden muss.

Eine Empfehlung aus Sicht einer Pflege- und Leitungskraft für Angehörige, die auf der Suche nach einer angemessenen Pflegeeinrichtung sind, ist sich zu überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre sich für einen gemeinnützigen Verein zu entscheiden, dem eine Kostendeckung ausreicht und nicht der finanzielle Gewinn im Vordergrund steht.

Für mich war dies die einzige noch erträgliche Möglichkeit in diesem Bereich engagiert und meine Ideale nicht vernachlässigend zu arbeiten.

https://www.sueddeutsche.de/politik/pflege-spd-will-die-gewinne-privater-heimbetreiber-begrenzen-1.4588950